Gewaltfreie Kommunikation nach Marshall B. Rosenberg – GFK – Teil 1

Bildergebnis für giraffe und wolfHey meine Lieben,

ich löse mein Versprechen ein und starte mit einer Einführung in die GFK.

Kennt ihr solche Sätze?…. „Du siehst doch, ich ruhe mich hier aus. Lass mich bitte.“ … „Sag mal, merkst du nicht, dass ich gerade nicht reden will?“ …. „Du weißt doch ganz genau, dass ich den ganzen Tag hart gearbeitet habe.“ … „Es ist doch wohl klar, dass ich schlechte Laune habe, wenn ich den ganzen Tag nichts gegessen habe.“ .. „Immer drehst du dir alles zurecht.“ … „Immer geht es nach deiner Nase.“ … „Du musst immer das letzte Wort haben.“ … „Du verstehst mich einfach nicht.“ … „Nie können wir xy tun, weil DU ….“

SOLCHE SÄTZE waren Inhalt meines Lebens. Vor allem mein Mann und ich befanden uns in ständigen Anfeindungen. Jeder sprach jeweils von den Fehlern des anderen und was der andere anders machen sollte. Oft wurde nur geschrien, der Aggressionspegel war enorm hoch. Unsere Beziehung war geprägt von Streitigkeiten, Anfeindungen, Schuldzuweisungen. Ätzend. Das ist so dermaßen kräftezehrend, anstregend und hätte wohl zur Trennung geführt, hätten wir die GFK nicht kennengelernt.

Leitsätze der GFK sind:

ALLE MENSCHEN HABEN BEDÜRFNISSE UND WOLLEN DIESE ERFÜLLT BEKOMMEN! MENSCHEN SIND SEHR SOZIAL! MENSCHEN WOLLEN SICH VERBINDEN! SIE WOLLEN EINANDER HELFEN UND ZUSAMMENARBEITEN! ES GIBT KEINE NEGATIVEN BEDÜRFNISSE!!!!

Ziele der GFK sind die Bedürfnisserfüllung, auf einer Ebene ohne Gewalt, Konflikte wollen gewandelt werden, schmerzliche Kommunikation mag verändert werden, sodass sich herzliche, verbindende Beziehungen aufbauen.

Es wird unterschieden in: TRENNENDE KOMMUNIKATION und VERBINDENDE KOMMUNIKATION

Trennende Kommunikation erreichen wir, wenn wir: verurteilen, beurteilen, in Schubladen denken, die Verantwortung von uns wegschieben, Menschen vergleichen, analysieren (dein Problem ist, …), fordern, keine Wahlmöglichkeiten lassen, loben und strafen, etc. Das, was dadurch erzeugt wird, ist: Abwehr, Widerstand, Verteidigung, Kampf. Wenn wir trennend kommunizieren, kommunizieren wir in der Wolfssprache.

Die Wolfssprache haben wir alle inne, weil uns genau diese erzieherisch vermittelt wurde. Wir kommunizieren unser Leben lang auf diese Weise, dabei sind wir uns gar nicht bewusst, dass sich hinter unseren Worten und Taten einfach nur unerfüllte Bedürfnisse verstecken.

Sprechen wir allerdings von verbindender Kommunikation, ist die Basis vor allem Mitgefühl, Empathie. Egal welche Worte mein Gegenüber nutzt, ich möchte hinter seinen Worten Gefühle, Bedürfnisse und Bitten erkennen.  Wenn wir verbindend kommunizieren, kommunizieren wir in der Giraffensprache.

Die Giraffe ist Symboltier der GFK. Die Giraffe hat das größte Herz. Daher kommt die Bezeichnung: Sprache des Herzens. Mit ihrem langen Hals, hat die Giraffe einen Überblick über die Gesamtsituation, hört mit ihren Ohren aufmerksam und empathisch zu und lässt dank ihres großen Herzen alle Vorwürfe, Be- und Verurteilungen außenvor und verbindet sich auf diese Weise mit allen anderen.

Gewaltfrei zu kommunizieren, ist Haltung. Wir wollen uns verbinden, wir wollen einander sehen, wir wollen aufeinander zugehen und einander helfen.

Als Hilfsmittel entwickelte Marshall B. Rosenberg 4 Schritte.

  1. BEOBACHTUNG (wertfrei)
  2. GEFÜHL
  3. BEDÜRFNIS
  4. BITTE

1. BEOBACHTUNG

„Beobachten ohne zu bewerten, ist die höchste Form menschlicher Intelligenz.“ – Jiddu Krishnamurti

BSP:  Unordentliches Kinderzimmer.. Vor der GFK wäre ins Zimmer marschiert und hätte gesagt: „Hier siehts ja aus, als wäre eine Bombe explodiert. Alles liegt überall rum, das reinste Chaos. Du bist so schlampig. Räum das auf.“

Eine wertfreie Beobachtung ist: „Ich sehe, es liegt Spielzeug auf dem Boden, auf deinem Tisch, auf deinem Stuhl und auf deinem Bett“ Mehr nicht. Denn das ist das, was ich sehe! Ich beschreibe nichts anderes, ich bewerte es nicht.

Es geht darum, Dinge greifbar und wahrnehmbar zu machen. Die Beobachtung ist die Eingangstür für Verständnis.

2. GEFÜHL

Meistens machen wir die Handlungen eines anderen Menschen für unser Befinden verantwortlich und das klingt dann zB so: „ICH bin so wütend, weil DU nicht aufgeräumt hast, jetzt muss ich das machen.“ In der GFK heißt es: ICH bin wütend, weil ICH gerne Zeit mit dir verbringen würde, mir aber auch wichtig ist hier freie Flächen und Ordnung zu haben.“

-> ICH fühle mich, weil ICH … nicht weil DU !!!

Unsere Gefühle weisen uns auf unsere Bedürfnisse hin, sie sind ein deutliches Signal dafür, ob unsere Bedürfnisse erfüllt sind oder nicht . Gefühle sind ein wertvolles Geschenk, die uns Orientierung geben, für das, was wir brauchen und deswegen ist es so wichtig Gefühle sein zu lassen. Unsere Gefühle und natürlich auch die Gefühle anderer sind absolut ernstzunehmen. Sie sind okay, sie dürfen sein, wir sollten ihnen Raum und Zeit geben, in uns lebendig zu sein.

Habt ihr schonmal bemerkt, dass nicht alles, was wir als Gefühl beschreiben, wirklich ein Gefühl ist? Ich denke da an typische Sätze, wie: „Ich fühle mich in die Ecke gedrängt./Ich fühle mich unter Druck gesetzt./ Ich fühle mich nicht verstanden.“ Das sind Pseudogefühle, das sind Gedanken, Interpretationen.

Ich übersetze mal mögliche Gefühle

Ich fühle mich in die Ecke gedrängt -> Ich fühle mich hilflos

Ich fühle mich unter Druck gesetzt – > Ich fühle mich ängstlich und machtlos

ich fühle mich nicht verstanden -> Ich fühle mich deprimiert

Es ist wichtig, Pseudogefühle von wahren Gefühlen zu unterscheiden, damit wir ehrlich erkennen, wie wir uns fühlen und vorwurfsfrei kommunizieren.

3. BEDÜRFNIS

Bedürfnisse lassen uns verstehen, warum wir etwas tun oder etwas nicht tun, warum mein Gegenüber tut, was es tut oder nicht tut.

Wir haben unsere Bedürfnisse ständig und wir haben mehrere Bedürfnisse gleichzeitig. Wir staffeln bewusst oder unterbewusst, welches Bedürfnis mehr Gewicht und demnach Vorrang hat.

Es kann sein, dass ich zB Ruhe und Schlaf brauche, Wärme und Geborgenheit brauche, hunger habe. Mein hunger ist vielleicht so groß, dass ich zu allererst etwas essen will, damit ich mich hinterher mit meinem Mann aufs Sofa kuscheln, mich dort ausruhen kann, womöglich in seinen Armen einschlafe und anschließend ins Bett gehe.

Bedürfnisse sind unabhängig von bestimmten:

  • Handlungen
  • Dingen
  • Orten
  • Zeiten
  • Menschen

Das bedeutet, dass wir zur Erfüllung unserer Bedürfnisse viele, unterschiedliche Strategien haben.

Bsp.: Um Ruhe zu bekommen, muss ich nicht unbedingt in meinem Bett im Schlafzimmer liegen, ich kann mich auch draußen im Liegestuhl ausruhen, oder beim lesen auf der Terasse, beim TV schauen auf dem Sofa..

Das ist das schöne im Zusammenleben mit anderen Menschen. Wir können unterschiedliche Bedürfnisse erfüllen, weil wir verschiedene Strategien in verschiedenen Momenten wählen können.

Das ist sau schwer! Das braucht echt Übung und Geduld. Erstmal ist es schwer das richtige Gefühl zu erkennen und zu benennen und es ist auch schwer das zugehörige Bedürfnis zu erkennen und zu benennen und dann auch noch zB bei meinem Kind zu gucken, was sein Gefühl und Bedürfnis ist und so kreativ zu sein, einen gemeinsamen Weg zu finden, das Bedürfnis meines Kindes zu erfüllen und mein eigenes, puuuuuuh! Ja, das ist schwer, das ist ein Prozess, ABER.. und das ist ein großes ABER: Es lohnt sich! Es lohnt sich wirklich. Es ist ein harter Weg, und gleichzeitig ist dieser Weg auch so erfüllend, so aufregend und spannend und das Ergebnis ist einfach befreiend. Wahre Verbindung ist möglich und das ist so schön <3

4. BITTE

Mit der Bitte laden wir dazu ein, in einen neuen Prozess einzusteigen. Wir beginnen mit unserer Beobachtung, fahren mit dem Gefühl und unserem Bedürfnis fort und schließen mit einer Bitte ab. Die Bitte hat zum Ziel, dass unser Bedürfnis erfüllt wird, Wichtig ist, dass unsere Bitte bestimmte Kriterien erfüllt:

  • positive Formulierung
  • konkret
  • klein
  • im hier und jetzt machbar
  • die Bitte darf verneint werden

Heißt explizit… zu bitten: „und ich will, dass du nie wieder so eine Unordnung hinterlässt, tust du mir diesen Gefallen, ja?“ ist Mist. Ist wirklich Mist und nicht im Sinne der GFK, denn das ist eine Bitte mit einer Du-Botschaft, mit einem Vorwurf und erfüllbar ist die Bitte in hier und jetzt auch nicht. Denn ich will hier ja, dass mein Kind zukünftig nie wieder Unordnung hinterlässt… das ist einfach absurd.

Ich gebe ein komplettes Bsp mit allen vier Schritten, ok? Es geht in dem Beispiel allein um mein Bedürfnis.

Beobachtung: Ich sehe im Wohnzimmer auf dem Boden, auf dem Sofa, auf dem Tisch Spielzeug.

Gefühl: Ich fühle mich ganz angespannt und ärgerlich, weil …

Bedürfnis: ich hier freie Flächen brauche, damit ich Staubsaugen kann.

Bitte: Würdest du mir helfen, dein Spielzeug in dein Zimmer zu räumen?

Meine Bitte ist im hier und jetzt erfüllbar, sie ist klein und konkret und positiv formuliert und mein Kind kann auch sagen: “ Nein Mama, ich will jetzt lieber xy machen.“ Das ist völlig okay. Es findet sich eine andere Lösung, die Strategie mir mein Bedürfnis nach Ordnung zu erfüllen, kann ich auch anders wählen, in dem ich zB selber alles wegräume, oder erst mit meinem Kind spiele und wir dann gemeinsam anpacken.  So ist das eben.. in dem Moment, in dem ich Bedürfnisse habe, hat auch mein Kind Bedürfnisse und manchmal kommen sich unsere Bedürfnisse in die Quere, zumindest auf den ersten Blick. Auf den zweiten Blick, wenn ich nämlich neu reflektiere, wem was präzise jetzt wichtig ich, finde ich eine neue Möglichkeit und kann meine Bitte neu formulieren.


Ich beende an dieser Stelle für heute. Im nächsten Teil wird es um Selbsteinfühlung, Fremdeinfühlung, Dank und Feiern gehen. Ich werde mit euch auch meine Übersicht über Gefühle und Bedürfnisse teilen.

Ich bin mir sicher es haben sich jetzt bei euch schon Gedanken geformt, oder schon Fragen ergeben. Teilt mir doch bitte eure Fragen mit. Ich habe vor, im Anschluss an die Einführung in die GFK, einen Fragen- und Antwortenbeitrag zu schreiben, in dem dann (hoffentlich) Jeder seine Antworten findet. Was haltet ihr von dieser Idee?

ich wünsche euch einen weiteren sonnigen Tag,

Herzensumarmung,

eure Tina.

2 thoughts on “Gewaltfreie Kommunikation nach Marshall B. Rosenberg – GFK – Teil 1

  1. Danke für die ausführlichen Beispiele!
    Genau so konkret erklärte Situationen finde ich hilfreich um mir das theoretische auch vorstellen zu können. Besonders der satz mit der Ich Borschaft… nicht ich …. weil du… sondern ich weil ich….. da hats Klick gemacht Es tut mir gut deinen Artikel zu lesen.
    Danke

    1. Liebe Petra,

      das freut mich wirklich sehr zu lesen. Danke für deine Worte.
      Bald werde ich meinen zweiten Teil veröffentlichen und – durch dich inspiriert – wohl einige alltägliche Beispiele mit einpflegen.

      Alles Liebe, Tina <3

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