Wie ich zum Barfußlaufen kam und 6 Gründe, die für mich ausschlaggebend sind, dass ich es auch dauerhaft tun will

Es ist Winter. Die Temperatur geht gegen Null. Den ganzen Tag gab es Schneeregen. Am Nachmittag wollen mein Mann und ich mit den Kids auf den Spielplatz. Unsere Große hat sich freudig ihre Gummistiefel übergestülpt.

Angekommen auf dem Spielplatz erblicken wir eine riiiiiesige Schlammpfütze. Im trockenen Zustand verbirgt sich darunter ein besandetes Fußballfeld.

Während die Große bereits tief im Matsch feststeckt und lacht, weil sie nicht mehr rauskommt, vergnüge ich mich mit dem Gedanken wie es wohl wäre dort barfuß durchzulaufen. Ich beschließe diesen Gedanken abzutun. Denn was ist das denn für eine bescheuerte Idee, sowas macht man als Erwachsener doch nicht… häää? Moment, denk ich mir. Was für ein Blödsinn. Ich will es, also mach ich es auch. In dem Moment in dem ich zu meinem Mann sage: „Schatz, ich zieh jetzt die Schuhe aus und hüpf da auch rein.“, hab ich Stiefel und Socken auch schon von mir gestreckt und watschle im eiskalten Matsch rum.

Ich freu mich wie ein kleines Kind, welches es endlich geschafft hat auf seine innere Stimme zu hören.

Entgegen meiner Erwartung zu frieren, wurde mir plötzlich ganz warm. Meine Füße wurden rot. Nach einer halben Stunde wildem Herumlaufen und großem Spaß, beschloss ich meine Schuhe auszulassen und den Nachhauseweg auch noch Barfuß anzutreten.

Was ich gerade beschrieben habe, passierte letzten Winter. Ich weiß noch genau, ich fühlte mich so unglaublich frei. So glücklich. Voller Freude.

Zuhause angekommen begann ich bei einem Fußbad zu recherchieren, ob es Menschen gibt, die öfter oder gar immer barfuß laufen und wenn es die gibt, wie sie es tun.

In Zeiten, in denen etliche Gruppen via Facebook zu finden sind, wurde ich schnell fündig. Ich las mit Begeisterung von den barfüßigen Erfahrungen anderer Menschen. Ich wurde neugierig und startete mein Barfußexperiment.

In begann zu Hause auf Socken zu verzichten, zog draußen hin und wieder die Schuhe aus. Als es etwas wärmer wurde ging ich nur noch in Flip Flops raus, die ich oft direkt auszog, als ich unten zur Haustür raus war. Ich wurde allmählich sicherer, lies öfter die Schuhe ganz zu Hause. Und vor 6 Monaten beschloss ich dann gar keine Schuhe mehr zu tragen.

Klingt ja ganz schön, was ich so schreibe, aber wie geht das und warum genau tu ich es? Tut das nicht weh? Ist mir nicht kalt? Ist es mir egal, was andere darüber denken?

 

 

6 Gründe dafür, warum ICH barfuß laufe

1. Bessere Körperhaltung, erhöhte Lebensqualität

 

Ich habe ein  Hohlkreuz. Jahrelang hatte ich täglich mit Rückenschmerzen zu kämpfen. Ich hab mich viel bewegt, hab mich geschont, hab meine Muskulatur gestärkt, hab versucht Schweres korrekt zu heben…. Nichts hat geholfen.

Kaum dass ich auf Schuhe zu verzichten begann, merkte ich, dass meine Rückenschmerzen schwanden.

Yay! Endlich, dachte ich. Aber warum?

Laufen wir in Schuhen, meinen wir, dass die Schuhsohle dafür konzipiert ist, unseren Körper zu schützen, vor Erschütterungen beim Laufen zu bewahren. Aber dem ist nicht so. Jeder Schritt im Schuh ist ein wahres Erdbeben für unseren Körper. Wir merken es erst, wenn wir unter Schmerzen leiden. Und wir sehen viel zu spät den Zusammenhang zu unseren Schuhen. Sehr viele sehen diesen Zusammenhang auch ganz und gar nicht, denn es ist ja normal in Schuhen zu laufen. Es macht doch vermeintlich jeder, oder?!

Ich setze Barfüßigkeit mit Leichtfüßigkeit gleich. Es ist wie ein gleiten, ein sanftes, bedachtes Betreten der Untergründe. Das eigene Körpergefühl ist mit der Zeit so unglaublich ausgeprägt, dass ich sagen kann, dass ich jeden falschen (vielleicht mal zu schnell getätigten) Schritt bemerke und mich korrigiere. Völlig automatisch.

2. Intuitives Laufen

Das Stichwort ‚automatisch‘ bringt mich zu Punkt 2.

Dadurch dass Schuhe uns vor allem Schützen – was durchaus auch seinen Zweck haben kann – haben wir verlernt, auf unsere Intuition zu vertrauen.

Ob ein Stein auf dem Weg liegt, ein Stock, eine Glasscherbe, Müll, Dreck, ob ein Loch im Boden ist, mit Schuhen rennen die Meisten einfach drüber. Die dicke Sohle schützt uns ja. Teilweile wird auch auf Schnecken, Käfer, Würmer getreten – mal absichtlich, mal völlig unbedacht, weil das Spüren des Untergrundes durch den Schuh verhindert wird.

Jeder Untergrund ist anders. Mal sandig, steinig, eben, weich, hart, uneben, gleichmäßig,  kalt, warm, nass, trocken.

Und das Erstaunliche für mich ist, dass ich irgendwann einen völlig intuitiven Gang für die verschiedenen Untergründen entwickelt habe.

So laufe ich auf einem Kiesweg zum Beispiel im Ballengang. Auf den meisten Wegen trete ich zuerst mit dem Mittelfuß auf.  Auf besonders weichen Untergründen (Moos, Sand, Matsch) gehe ich in den Fersengang über. (Übrigens gibt es hierfür keine ‚Regel‘. Es gibt auch Barfüßler, die laufen ausschließlich im Ballengang.)

 

3. Lederhaut

Bild könnte enthalten: eine oder mehrere Personen, Schuhe und Nahaufnahme

Zum Thema „Das tut doch weh.“ Ja, es tut anfangs weh. Jahrelang wurde der Fuß im Schuh verpackt und hatte selten Hautkontakt zum Boden. Dem Fuß fehlt am Anfang die Lederhaut. Eine natürliche Fettgewebsschicht, die die Sohle verstärkt.

Achtung: Hornhaut ist etwas anderes. Dabei handelt es sich um totes Gewebe, das sogar gefährlich werden kann. Die Füße brauchen gute Pflege.

Dank der Lederhaut, die sich ständig weiterentwickelt, ist der Fuß optimal geschützt.

 

4. Achtsamkeit, Voraussicht, Schnelle Reaktion.

 

Die Lederhaut, gepaart mit einem hohen Grad an Achtsamkeit, der Fähigkeit abzuscannen und einzuschätzen, wo ich wie zu laufen habe, schützt mich vor Verletzungen.

Berührt der Fuß den Boden, merke ich -wenn ich achtsam bin- sofort, ob ich hier treten kann oder lieber nicht. Im letzteren Falle zieh ich den Fuß weg und setzt ihn wo anders auf.

Das passiert mittlerweile völlig intuitiv.

Ich finde das super spannend.

Da ich außerdem ein Fan von Achtsamkeit bin, vermeide ich seit dem Verzicht auf Schuhe auch das parallele Nutzen des Handys beim spazieren. (Eine Ausnahme ist, wenn ich mal eben eine Aufnahme von meiner Tochter machen mag – die übrigens auch Barfuß läuft. <3)

So laufe ich, wenn ich laufe, springe, wenn ich springe, stehe, wenn ich stehe und das mit vollem Genuss.

 

5. Erdung

Ich fühle mich sehr verbunden mit dem Boden, mit der Natur. Die Energien, die durch meinen Körper fließen, können völlig barrierefrei über die Füße in den Boden hineinfließen und ebenso auch wieder zu mir zurück gelangen.

Ich kann mich an meine absolute Anfangszeit erinnern, in der ich meinem Mann zu Liebe Schuhe angezogen habe. Ich hab mich bewusst dazu entschieden für ihn eine Ausnahme zu machen. Es war also keine widerwillige Entscheidung und doch fühlte ich mich mit mir selbst nicht im reinen. Ich war genervt und schnell wütend. Bei der ersten Gelegenheit zog ich die Schuhe aus – das passierte eher unbewusst. Ich weiß nicht mehr was der Auslöser dafür war die Schuhe auszuziehen, aber ich tat es und ich werde wohl nie vergessen, wie ich meine ganze Beklommenheit aus meinem Körper gleiten spürte. Das war schon fast magisch und im übrigen war es  DAS Schlüsselerlebnis für den völligen Verzicht auf Schuhe.

 

6. Wärme

 

Ich war mal eine Frostbeule – echt! Sommer, Winter, egal. Mir war kalt.  Dicke Hose, dünnes Paar Socken, Kuschelsocken, Decke drüber und mir wurde nicht wärmer. Ätzend fand ich das.

Heute weiß ich, dass meine Füße meine gesamte Körpertemperatur regulieren können, wenn ich ein paar Punkte beachte.

Dass mir mal kalt ist, liegt nicht an meinen nackigen Füßen, sondern viel mehr daran, dass ich mich zu wenig bewege und/oder Oberkörper und Beine ungenügend bekleidet sind.

Bin ich zu sehr im Stillstand, werden die Füße nur geringfügig durchblutet. Dann ist mir kalt. Ist mein restlicher Körper zu wenig bekleidet, ist mein Blut damit beschäftigt eher meine Organe mit Blut zu versorgen, als meine Füße.

Zieh ich mir zu Hause also einfach ein Jäckchen drüber, oder mache ne kurze Sporteinheit, ist mir warm und der Körper kann die Körpertemperatur wieder optimal regulieren.

Bei nun kühleren Außentemperaturen gilt auch,  Oberkörper, Beine und Knöchel gut bekleiden, Stillstand vermeiden und die Leichtfüßigkeit genießen.

 


Falls ich den einen oder anderen inspirieren konnte auch mal öfter Barfuß zu laufen, freue ich mich natürlich sehr, möchte aber zu beachten geben, dass der Körper eine Umstellungsphase braucht, dass es wichtig ist, sich zu informieren, Schritt für Schritt zu beginnen und nicht zu viel auf einmal zu wollen. Ich genieße es Teil einiger Gruppen auf Facebook zu sein, in denen ich mich täglich austausche und auch täglich lerne. Für wen es in Frage kommt Facebook dahingehend auch für sich zu nutzen, fragt doch einfach mal in einer Barfußgruppe an und schnuppert rein.

Eine Herzensumarmung von mir,

alles Liebe,

eure Tina.

11 thoughts on “Wie ich zum Barfußlaufen kam und 6 Gründe, die für mich ausschlaggebend sind, dass ich es auch dauerhaft tun will

  1. Liebe Tina,
    dieser Artikel gefällt mir sehr gut und trifft ziemlich genau auf die Gründe zu, warum ich selber ganz überwiegend barfuß gehe und auch die Barfußpfade als Ausflugsziele empfehle. Ich werde ihn weiterempfehlen!
    Liebe Grüße aus Penzberg,
    Lorenz

  2. Hallo Tina,
    Dein Bericht liest sich sehr authentisch. Viele Parallelen sehe ich auch zu meinen Anfangszeiten. Barfußlaufen ist ein ganz neues, faszinierendes Erlebnis. Du machst es richtig! Bist achtsam und horchst auf Deinen Körper und Deine Füße. Hinschauen, Hinhören – längst vergessen in der heutigen hektischen Zeit. Und doch so wichtig für uns Menschen, von klein an. Damit wir lernen, begreifen, nachmachen.
    Ich wünsche Dir noch viele schöne Barfußjahre und die Erfüllung Deines Ichs.
    Herzliche Grüße aus dem Allgäu
    Eva

    1. Liebe Eva,

      Danke für deine ausführliche Antwort.
      Ich freu mich zu lesen, dass auch du in dieser schnelllebigen Zeit einen Fokus auf das Achtsame, das Entschleunigen legst.

      ❤️

  3. Es ist wirklich erstaunlich, wie sehr ich mich in deinem Bericht wiederfinden kann. Sowohl was meine Empfindungen und Beweggründe beim barfüßigen Leben angeht, als auch meine Erfahrungen zu meinen Anfangszeiten sind deinen sehr ähnlich.
    Ich erinnere mich gut daran, wie ich anfangs für viele Menschen in meinem Umfeld „ausnahmsweise“ Schuhe an hatte. Vor allem im Sommer wurde ich dann auch oft irgendwann angespannt und leicht reizbar. Kaum unter den Barfußläufern angekommen, viel es mir einfach merklich schwer, auf dieses neue Gefühl der Freiheit zu verzichten.

  4. Mensch Tina, ist das schön zusammengefasst!
    Über so einen ganzheitlichen Unterbau wie Du verfüge ich nicht.
    Aber ausnahmslos alles an Deinem Bericht spricht mir aus der Seele.
    Danke dafür
    LG
    Thomas

  5. Hallo Tina,
    dein Artikel liest sich sehr angenehm und wenn ich nicht schon seit einigen Monaten ununterbrochen barfuß gehen würde, wäre spätestens dein Text ein Anlass, damit zu beginnen. 🙂

    Besonders schön finde ich, dass dein initiales Erlebnis für das Barfußgehen durch eine Art von kindlicher Unbefangenheit, Freude und Neugierde ausgelöst wurde und du deine „innere Stimme“ ernst genommen hast, anstatt sie zu ignorieren.

    „Als Erwachsener macht man das doch nicht“ ist die Stimme, die uns zur Angepasstheit und Selbstkontrolle mahnt. Doch wie dein Bericht zeigt, sollten wir auch mal die Stimme der kindlichen, vermeintlich sogenannten „Unvernunft“ sprechen lassen, da wir uns sonst um Erfahrungen von Lebendigkeit und Freiheit bringen und nur noch als gleichgeschaltete Automaten-Menschen existieren. Der Psychoanalytiker Arno Gruen drückte es auch so aus: „Wir werden als Originale geboren, sterben aber als Kopie“.

    Erfreulich zu lesen, dass du deiner Intuition nachgegangen bist und dich durch anfängliche Zweifel an deiner „Erforschung“ des Barfußgehens nicht hast beirren lassen. Ich hatte zum Beispiel zu Beginn des Barfußgehens (2015) und noch längere Zeit darüber hinaus dieses Unsicherheitsgefühl, begleitet von Gedanken darüber, was wohl die anderen denken oder wie sich mich wahrnehmen. Dass ich vegan lebe, weil ich Tiere nicht für mich leiden lassen will, wird ja mehr oder weniger schon gesellschaftlich akzeptiert und ist auch nicht auf den ersten Blick für die Mitwelt sichtbar, aber barfuß gehen in der Öffentlichkeit vor aller Augen?! Das hat mich anfangs sehr viel Überwindung gekostet und je kälter die Temperaturen werden, umso mehr merke ich, dass es den Leuten – so glaube ich jedenfalls – stärker auffällt als an warmen und sonnigeren Tagen.

    Aber die Vorteile (sowohl subjektive als auch objektiv gesundheitliche Aspekte), trotzdem damit weiterzumachen, liegen klar auf der Hand [bzw. auf dem Fuß, um im Bild zu bleiben 😉 ] und du hast diese aus deiner Perspektive schön in den sechs Punkten zusammengefasst.
    Zuguterletzt lebst du damit auch für dein Kind auf sehr positive Weise vor, dass man nicht unhinterfragt alles nachmachen muss, was die anderen Menschen mehrheitlich tun und man auch sehr gut „anders“ sein bzw. leben kann, ja mitunter – wie im Falle des Barfußgehens – viel mehr von der Mitwelt wahrnimmt, als wenn man seine Füße ununterbrochen einpackt und von allen Reizen isoliert.

    Danke also für deinen Beitrag und weiterhin viel Freude am Barfußlaufen. 🙂
    Sebastian

  6. Hallo Tina,
    es ist viele Jahre her, da überlegte ich auf dem Weg nach Hause, meine geliebten Flip-Flops in der Tasche verschwinden zu lassen. Es war schrecklich, alle Menschen starrten auf meine nackten Füße. Nach ein paar Tagen merkte ich, keinen Menschen interessiert meine Barfüßigkeit. Klar, ich fahre jeden Tag mit den Öffentlichen, da schauen schon mal gelangweilte Mitreisende auf dem Bahnsteig oder im Zug auf meine Füße. Manchmal kommt es auch zu interessanten Gesprächen. Mich stört das nicht mehr.

    Wichtig für mich ist, dass ich auch mit Flip-Flops Rückenschmerzen hatte. Barfuß bin ich fast davon befreit. Nur wenn ich mal schwer tragen muss, gibt es leichte Probleme, ansonsten ist fast alles in Ordnung.

    Inzwischen gehe ich fast nur noch barfuß, ob in den Supermarkt, zur Bank, zum Arzt, eigentlich egal wohin. Die letzten Urlaube, auch im Ausland, war ich ausschliesslich barfuß und keinen Mitreisenden störte es.

    Ich habe viele Jahre Barfußwanderungen in Glau durchgeführt, inzwischen habe ich mich mehr auf Nacktwanderungen orientiert, die ich in der Gegend organisiere und mit Erfolg durchführe. Trotzdem bleibe ich ein Barfußläufer und bin dafür in Beelitz bekannt. Und das wird mein wichtigstes Markenzeichen bleiben.

    Viele Grüße,

    Ulfert.

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